Ems-Zeitung vom 10.10.2011

Ein Protest und viele Wunden

Morddrohungen und Gesangseinlagen: Die Kontroverse um das geplante Kohlekraftwerk in Dörpen

Dörpen. Vollversorgung durch erneuerbare Energien – das ist derzeit noch Zukunftsmusik. Bis es so weit ist, wird Deutschland wohl auf Gas- und auch Kohlekraftwerke angewiesen sein, um die Stromversorgung sicherzustellen. Im emsländischen Dörpen sollte ein Steinkohlekraftwerk entstehen. Doch das Milliardenprojekt scheiterte auch an der Wut der Bürger.

Der Protest nahm besonders krasse Formen an. Morddrohungen gegen die zwölfköpfige CDU-Ratsfraktion brachten die Auseinandersetzungen sogar bundesweit in die Schlagzeilen. Der Protest riss Wunden, die bis heute nicht verheilt sind.

In lebhafter Erinnerung ist allen Akteuren eine legendäre Ratssitzung Ende Mai 2009.  Mehr als 100 Projektgegner tauchen auf – mit Transparenten, in Schutzanzügen und mit verklebten Mündern. Dann fangen sie an zu singen. Eine Stunde lang. „Ich hab so etwas noch nicht erlebt“, sagt Dörpens Gemeindedirektor Hans Hansen mehr als zwei Jahre später in seinem Büro. „So was hat doch mit Demokratie nichts mehr zu tun“, sagt er.

Die Protestler sangen damals immer wieder: „Wir sind nicht zu bezwingen, wir werden weitersingen.“ Hansen muss gekocht haben vor Wut. „Am liebsten wär der damals aus dem Fenster gesprungen“, heißt es in Verwaltungskreisen. Sein Stellvertreter habe ihn in der Sitzung besänftigt: „Hans, beruhig dich. Vielleicht singen die gleich ein anderes Lied. Dann wird’s nicht so langweilig.“

Noch heute begreift Hansen nicht, dass das Milliardenprojekt für den 5000-Seelen-Ort wie eine Seifenblase Ende 2009 zerplatzt ist. „Dörpen!“, wird Hansen laut. „Das wär doch ein Super-Beispiel für die Energiewende gewesen!“ Aber es gab mehr als 8000 Einwendungen gegen den Bebauungsplan. „Davon aber nur rund 200 aus Dörpen“, unterbricht Hansen. Der Widerstand sei „von außen gesteuert“ gewesen. Überhaupt: Das Projekt sei nicht wegen des Protests gescheitert. Tatsächlich begründeten die Investoren ihren Ausstieg damit, dass ein Papierhersteller sich aus den Planungen zurückgezogen habe, das Vorhaben einer Kraft-Wärme-Kopplung also gescheitert sei.

Das Kohlekraftwerk, so Hansen, „hätte selbstverständlich Teil der neuen Energiepolitik sein können“. Denn mehr als 20 Prozent Stromerzeugung mit Kernkraft plötzlich durch regenerative Energie zu ersetzen sei nicht machbar. „Wir brauchen Kohle oder Gas, um den Energiebedarf zu sichern.“ Hansen ist überzeugt: Dörpen bleibe „Vorrang-Standort“ für ein Großkraftwerk.

Genau davor warnen Jan Deters und Johann Kruth von der Bürgerinitiative (BI) „Saubere Energie“, die es immer noch gibt. „Widerstand aus Prinzip ist doch gar nicht unser Motiv“, sagt Deters. Dennoch bleibe die BI wachsam. „Das Kohlekraftwerk ist planerisch noch lange nicht vom Tisch“, befürchtet Deters. „Wir brauchen aber künftig eine dezentrale Energieversorgung mit Fotovoltaik, Windkraft und Blockheizkraftwerken sowie den Aufbau von Speichern.“ Strom künftig vor allem im Norden zu produzieren und dann in den Süden zu transportieren, weil es dort wegen des Atomausstiegs kaum noch Kraftwerke gebe, „kann ja wohl nicht die richtige Strategie sein“ .

Hansen, der in wenigen Tagen 58 Jahre alt wird, hat der dreijährige Kampf um Kohle mürbe gemacht. Zur Kommunalwahl ist er nicht wieder angetreten, Ende Oktober hört er auf. „Aber zum Altenteil gehöre ich deswegen noch nicht. Nicht mit 58!“, sagt Hansen.

Einer, dessen kommunalpolitische Karriere ebenfalls einen Knick bekam, ist der ehemalige ehrenamtliche Dörpener Bürgermeister Hermann Wacker. Der Deutsch- und Geschichtslehrer schmiss am 1. April 2009 hin. Er hat in der Kontroverse gar den Glauben an die Kirche verloren. Ausgerechnet er, der fast 20 Jahre im Pfarrgemeinderat war. Ein Pastor hatte ihn öffentlich angegriffen, seinen Rücktritt gefordert, ihm Unehrlichkeit vorgeworfen. „Mein Verhältnis zur Kirche ist sehr nüchtern geworden“, sagt Wacker. Eine Erkenntnis ist in ihm gereift: „Es liegt wohl in der Natur des Menschen, dass für die große Idee alle sind. Nur nicht im engeren Umfeld.“ Nun konzentriert er sich wieder aufs Unterrichten, unter anderem George Orwells „Farm der Tiere“. „Da geht es ja auch um Macht und Missbrauch“, sagt Wacker. 

KEIN ENDLAGER!

 

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