Ems-Zeitung vom 12.12.2014

Kraftwerksplan endgültig begraben
Dörpen besiegelt Flächenrückkauf für über zwei Millionen Euro und beendet Verfahren

Dörpen. Fast auf den Tag genau fünf Jahre nach Planungsstopp für den Bau eines Steinkohlekraftwerks in Dörpen hat die Gemeinde dem in der Region seinerzeit äußerst umstrittenen Milliardenprojekt jetzt die letzten Grundlagen entzogen.

Mit einem einstimmigen Beschluss kippte der Rat in seiner Sitzung am Mittwochabend den Bebauungsplan. Zudem teilte Bürgermeister Manfred Gerdes (CDU) mit, dass der Vertrag der Kommune mit dem Investor über den Rückkauf der für das Kraftwerk vorgesehenen Flächen besiegelt ist. Damit steht fest, dass die Gemeinde dem Schweizer Energiekonzern BKW das Areal am Küstenkanal für insgesamt mehr als zwei Millionen Euro wieder abkauft.

Der Punkt auf der Tagesordnung wirkte auf den ersten Blick unscheinbar. Eingebettet zwischen einer Beschlussvorlage über die Sanierung der Lüftungsanlagen im Dünenbad und obligatorisch abzuhandelnden „Anträgen und Anregungen“ stand die Abstimmung über die „Förmliche Beendigung des Bebauungsplanverfahrens Nr. 59 ,Industriegebiet südlich des Küstenkanals‘“ an. Dieses Verfahren war Ende Juni 2007 auf den Weg gebracht worden mit dem Ziel, den Bau eines Steinkohlekraftwerks mit einer Leistung von 800 Megawatt am Küstenkanal zu ermöglichen. Dazu verkaufte die Gemeinde an den Investor ein etwa 35 Hektar großes Grundstück. Das entspricht in etwa dem Umfang von fast 50 Fußballfeldern.

Bereits während der Haushaltsberatungen des Gemeinderates im vergangenen März war deutlich geworden, dass der Rückkauf ab 2016 in mehreren Etappen vollzogen wird. Demnach sind insgesamt drei gleich große Tranchen vorgesehen, deren Summe am Ende einen Gesamtrückkaufspreis von 2,1 Millionen Euro ergibt. Die Gemeinde muss dafür Darlehen aufnehmen.

Draufzahlen wird die Kommune am Ende aber nicht, wie Gemeindedirektor Hermann Wocken am Donnerstag auf Nachfrage unserer Redaktion versicherte. „Bei allen Vertragsgestaltungen mit den Investoren wurde größter Wert darauf gelegt, dass der Gemeinde keine Kosten entstehen können“, erklärte Wocken. Alle Verträge seien eingehalten worden, „sodass auch die Rückabwicklung des Grundstücksgeschäftes ohne finanziellen Schaden für die Gemeinde möglich war“. Die Flächen am Küstenkanal bleiben derweil Industrieerwartungsland. Dörpen hofft seit Jahren auf eine weitere Großansiedlung.

Unterschriften vernichtet

Die Planungen für das Kraftwerk ruhten seit Dezember 2009. Seinerzeit hatten die Investoren, neben BKW war auch EnBW (Karlsruhe) beteiligt, die Reißleine gezogen. Sie begründeten den Stopp mit der Ankündigung des Dörpener Papierherstellers UPM Nordland, Planungen für die Errichtung eines eigenen Gaskraftwerkes weiter vorantreiben zu wollen. Bislang hat der finnische Mutterkonzern UPM allerdings kein Kraftwerk in Dörpen gebaut. Den Investoren zufolge war die gleichzeitige Strom- und Wärmeerzeugung durch eine sogenannte Kraft-Wärme-Kopplung mit der Papierfabrik eine wesentliche Voraussetzung für den Bau des Kohlekraftwerks gewesen.

Der Planungsstopp markierte auch das Ende einer seit drei Jahren hochemotional geführten Debatte zwischen Kraftwerksbefürwortern und -gegnern, die 2009 in anonymen Morddrohungen gegen die damaligen Mitglieder der CDU-Mehrheitsfraktion im Dörpener Rat, einer mehr als einstündigen Singblockade von Kraftwerksgegnern während einer Ratssitzung sowie dem Rücktritt des langjährigen Bürgermeisters Hermann Wacker (CDU) gipfelte.

Nach Auffassung der Kraftwerksbefürworter um den heutigen Ehrenlandrat Hermann Bröring und Ex-Gemeindedirektor Hans Hansen hatten die Proteste der Gegner keinen Einfluss auf den Planungsstopp. Die Bürgerinitiative (BI) „Saubere Energie“ und andere Kritiker feierten das Aus unter dem Motto „Bürgerengagement lohnt sich“ hingegen als einen großen Tag sowie einen Sieg der Vernunft.

Die Unterschriftenlisten der Gegner wurden im Übrigen „komplett vernichtet“, wie Wocken ebenfalls auf Nachfrage unserer Redaktion mitteilte. Das sei mit Vertretern der BI vereinbart worden. „Sämtliche anderen Vorgänge rund um die Kraftwerksplanung wie Verträge, Pläne, Gutachten, Schriftverkehr oder Vermerke sind in Akten archiviert und werden unter Beachtung der gesetzlichen Aufbewahrungsfristen im Rathaus aufbewahrt“, so Wocken.

 

Kommentar
Die letzten Sargnägel

 

Nun dürfen auch die allerletzten Zweifler an einer endgültigen Beerdigung der Kohlekraftwerksplanungen in Dörpen ihre Bedenken vom Tisch wischen.

Die Tinte unter den Verträgen für den Rückkauf der Industrieflächen am Küstenkanal ist trocken und das Bebauungsplanverfahren durch den Gemeinderat einstimmig beendet. Damit stecken die letzten Sargnägel in einem Milliardenprojekt, dessen Umstrittenheit bei vielen Menschen in Dörpen und Umgebung zu tiefen Rissen geführt hat, die seinerzeit sogar Familien entzweiten.

Den Grundstein für den Flächenrückkauf hatten Rat und Verwaltung bereits im Frühjahr gelegt. Die Beendigung des Planverfahrens war deshalb buchstäblich nur noch Formsache. Und doch hat der Rat wie schon bei den Etatberatungen für den Rückkauf auch diesmal gut daran getan, auf das Aufreißen alter Wunden zu verzichten. Das ist den Ratsmitgliedern umso höher anzurechnen, weil nach wie vor nicht nur damalige Befürworter, sondern seit der Kommunalwahl 2011 auch erklärte Gegner des Kohlekraftwerks im Rat vertreten sind. Die nebengeräuschlose Beschlussfassung verdient den Respekt aller Beteiligten.

Die von der Gemeinde erhoffte große Industrieansiedlung lässt derweil weiter auf sich warten.


Ems-Zeitung vom 29.03.2014

Kreis Emsland

Kraftwerk: Dörpen kauft Fläche zurück

gs Dörpen. Die Gemeinde Dörpen wird dem Investor für das umstrittene Steinkohlekraftwerk die für den Bau vorgesehenen Flächen wieder abkaufen. Dafür werden ab 2016 mehr als zwei Millionen Euro fällig. Die Planungen für das Milliardenprojekt ruhten seit Ende 2009.

Kraftwerk: Dörpen kauft Fläche zurück

Für 2,1 Millionen Euro ab 2016

Dörpen. Mehr als vier Jahre nach dem Planungsstopp für den Bau eines umstrittenen Steinkohlekraftwerks in Dörpen steht fest, dass die Gemeinde dem Investor die dafür vorgesehenen Flächen im Industriegebiet wieder abkauft. Dafür werden insgesamt mehr als zwei Millionen Euro fällig.

Wie während der Haushaltsberatungen des Gemeinderates am Donnerstagabend deutlich wurde, wird die Kommune die etwa 35 Hektar umfassende Fläche im Industriegebiet ab 2016 in mehreren Etappen von dem Schweizer Energiekonzern BKW zurückerwerben. Insgesamt sind drei etwa gleich große Tranchen geplant, sagte Gemeindedirektor Hermann Wocken am Freitag auf Anfrage unserer Zeitung. Der Rückkauf in Teilschritten sei mit BKW vereinbart, so Woocken.

Wie Kämmerer Heinz-Hermann Lager während der Ratssitzung ausführte, stellt die Gemeinde für die Jahre 2016 und 2017 insgesamt rund 1,5 Millionen Euro in ihren Haushalt ein. Bei insgesamt ungefähr gleich großen Tranchen bedeutet dies einen Gesamtrückkaufspreis von mehr als 2,1 Millionen Euro. Für den Wiedererwerb wird die Gemeinde Darlehen aufnehmen müssen.

Lager zufolge hat sich mit dem Rückkauf der Flächen, die Industrieerwartungsland bleiben, auch die Bauleitplanung für das umstrittene Milliardenprojekt endgültig erledigt, die offiziell bislang nur ruhte. Im Dezember 2009 hatten die Investoren, neben BKW war auch EnBW (Karlsruhe) beteiligt, die Reißleine gezogen. Sie begründeten den Stopp seinerzeit mit der Ankündigung des Dörpener Papierherstellers UPM Nordland, die Planungen für den Bau eines eigenen Gaskraftwerkes weiterentwickeln zu wollen. Bis heute hat der finnische Mutterkonzern UPM allerdings kein Gaskraftwerk in Dörpen errichtet. EnBW zufolge war die gleichzeitige Strom- und Wärmeerzeugung durch eine sogenannte Kraft-Wärme-Kopplung eine wesentliche Bedingung für den Bau des Kohlekraftwerks gewesen.

Mit dem Ende der Planungen ging eine seit drei Jahren emotional geführte Debatte zu Ende, die 2009 in anonymen Morddrohungen gegen die damaligen Mitglieder der CDU-Mehrheitsfraktion im Dörpener Rat, einer Singblockade von Kraftwerksgegnern während einer Gemeinderatssitzung sowie dem Rücktritt des langjährigen Bürgermeisters Hermann Wacker (CDU) gipfelte.

Aus Sicht der Kraftwerksbefürworter, allen voran der damalige Landrat Hermann Bröring und der frühere Gemeindedirektor Hans Hansen, stand fest, dass die Proteste der Gegner keinen Einfluss auf das Aus für die Planungen hatten. Die Bürgerinitiative (BI) „Saubere Energie“ und andere Kritiker feierten den Stopp unter dem Motto „Bürgerengagement lohnt sich“ als einen großen Tag sowie einen Sieg der Vernunft.

Kommentar

Geschichte

Ein Kraftwerk, zwei Welten – keine Debatte im Emsland der vergangenen Jahre ist so erbittert geführt worden wie das Für und Wider zum Milliardenprojekt in Dörpen. Nachdem die Planungen seitens des Investors bereits seit mehr als vier Jahren ruhten, schreibt die Gemeinde mit dem vereinbarten Rückkauf der Flächen nun folgerichtig das letzte Kapitel einer Geschichte, die bis in einzelne Familien hinein zu tiefen Rissen zwischen Menschen in Dörpen und Umgebung geführt hat. Souverän hat es der Gemeinderat jetzt vermieden, alte Wunden aufzureißen. Und das, obwohl seit der Kommunalwahl 2011 auch erklärte Gegner des Kraftwerks im Rat vertreten sind. Fakt bleibt zudem, dass der Wirtschaftsstandort Dörpen trotz guter Rahmenbedingungen seit mehr als 40 Jahren weiter auf eine wirklich große Industrieansiedlung wartet. Das Kraftwerk aber ist endgültig Geschichte.


Ems-Zeitung vom 12.09.2012

Emsland auf Spitzenposition bei erneuerbaren Energien

Landrat Winter: Rein rechnerisch im kommenden Jahr komplette Stromversorgung aus regenerativen Quellen möglich

Papenburg.   Der Landkreis Emsland wird – rechnerisch gesehen – im kommenden Jahr eine Stromversorgung rein aus regenerativen Energien bestreiten können. Das hat Landrat Reinhard Winter in einem Interview mit unserer Zeitung unterstrichen. 
 
Herr Winter, wie viel Prozent des Strombedarfs im Emsland werden durch den hier produzierten Strom abgedeckt? 
Bedingt durch den hohen Anteil an erneuerbarer Energie und durch die Kraftwerke in Lingen, wird im Emsland deutlich mehr Strom produziert, als in der Region verbraucht wird. Das Emsland exportiert Strom.

Wie hoch ist der Anteil der erneuerbaren Energien? 
Die Informationsplattform EnergyMap zeigt an, dass 98 Prozent des jährlichen Stromverbrauchs im Emsland aus erneuerbarer Energie bereitgestellt wird. Damit hat das Emsland schon heute, was den Bruttoenergieverbrauch angeht, das energiepolitisch formulierte Ziel des Bundes von 2050 erreicht. 
 Wie setzen sich die Anteile zusammen? 
Der Landkreis Emsland liegt mit einer Produktion von insgesamt 704,3 Megawatt (MW) Windenergie aus aktuell 508 Anlagen weit über den Vorgaben der Landesregierung. Hinzu kommen derzeit insgesamt 64,5 MW elektrische Leistung durch 161 Biogasanlagen. Zum Vergleich: 2010 waren dies 114 Anlagen mit einer elektrischen Leistung von 46,6 MW. Zudem hat der Landkreis auf kreiseigenen Gebäuden (zumeist Schulen) Fotovoltaikanlagen installiert. Inzwischen sind sechs Anlagen im Einsatz, die eine Gesamtleistung von über 158 kWp erbringen. Emslandweit sind rund 699 MWp Solarleistung installiert.
 Wird – angesichts der hohen Versorgung – das Atomkraftwerk in Lingen überhaupt noch gebraucht? 
Der Anteil der Atomkraft an der Stromerzeugung hat in den vergangenen Jahren und nach Abschaltung des Großteils der Atomkraftwerke naturgemäß abgenommen, ist derzeit aber noch nicht ganz verzichtbar.

Gibt es noch Kapazitäten für den Ausbau erneuerbarer Energien? 
Wir planen die Teilfortschreibung Energie des Regionalen Raumordnungsprogramms, um zu klären, welche Möglichkeiten sich dem Emsland bieten und wo noch ein Zubau von erneuerbarer Energie möglich ist. Wesentliche Aspekte können hier etwa die Ausweisung von Standorten für Windkraftanlagen sein. Ob dies gelingt, ist im Rahmen der Planung mit den Städten und Gemeinden und den Menschen zu besprechen. Der Landkreis ist in einer Spitzenposition, was die Erzeugung von Energie aus erneuerbaren Rohstoffen betrifft. Allerdings sind auch Grenzen des Zubaus erneuerbarer Energien deutlich auszumachen. Flächenknappheit, das stetige Anwachsen der Pachtpreise und der Druck auf die Kulturlandschaft, Stichwort Vermaisung, weisen darauf hin, dass beispielsweise ein Zubau von Biogasanlagen im gesellschaftlichen Konsens kaum noch zu erreichen ist. Allerdings sind wir als Genehmigungsbehörde verpflichtet, Anträge, die den rechtlichen Grundlagen entsprechen, zu genehmigen. Auch die Diskussion um die Errichtung der 380-kV-Leitung verdeutlicht, dass „grüner Strom“ auch Nebeneffekte mit sich bringt, die von manchem Bürger durchaus kritisch gesehen werden.
 Wann wird sich das Emsland komplett mit Strom aus regenerativen Energien versorgen können? 
Die rechnerische Komplettversorgung mit Strom aus regenerativen Energien wird voraussichtlich im Jahr 2013 möglich sein. 


Berner Zeitung vom 28.08.2012

Die BKW und die Kohle

Von Dominik Balmer, Wilhelmshaven.
Mit dem Kohlekraftwerk im deutschen Dörpen scheiterte der Berner Energiekonzern BKW einst kläglich. In Wilhelmshaven verfolgt die BKW ein ähnliches Projekt. Und auch hier läuft nicht alles rund.

Frank Albers schaukelt auf den Hinterbeinen seines Stuhls und verschränkt die Arme über seinem Bauch. Sichtlich entspannt sagt er: «Wir haben einen ziemlich guten Level an Akzeptanz erreicht.» Wenn man gar keine Gegner habe, «dann stimmt etwas nicht».

Albers ist Projektkoordinator einer gigantischen Baustelle an der deutschen Nordsee: In Wilhelmshaven baut der französische Energiekonzern GDF Suez ein Steinkohlekraftwerk mit einer Leistung von 800 Megawatt. Die Anlage soll Ende 2013 ans Netz gehen und pro Jahr 5,5 Milliarden Kilowattstunden Strom liefern. Das ist fast doppelt so viel wie die jährliche Strommenge des Atomkraftwerks Mühleberg. Mit 33 Prozent ist der Berner Energiekonzern BKW am Kraftwerk in Deutschland beteiligt.

Das Desaster in Dörpen

Nur rund 100 Kilometer südlich von Wilhelmshaven liegt Dörpen. Hier hat die BKW vor nicht allzu langer Zeit schlechte Erfahrungen mit Kohle gemacht. Der Konzern wollte in eigener Regie ein Steinkohlekraftwerk bauen. Doch vor Ort gab es Proteste. Und auch in Bern war die Empörung gross, sogar Energieministerin und BKW-Verwaltungsrätin Barbara Egger (SP) mischte sich unter die Demonstranten. Schliesslich gab die BKW den Grossteil ihrer Beteiligung ab, Ende 2009 erfolgte sogar der vollständige Rückzug. Das Kohlekraftwerk in Dörpen wurde nie gebaut.

Als Grund für das Scheitern gab die BKW an: Es sei nicht gelungen, die nebst der Stromproduktion anfallende Abwärme zu nutzen. So sei das Projekt politisch aber auch nicht mehr tragbar gewesen.

Frank Albers schreit gegen den Baustellenlärm an. Er trägt eine gelbe Signalweste und einen Bauhelm. Er steht im Kesselhaus, das 100 Meter in die Höhe ragt. Hier wird dereinst die zu Pulver gemahlene Kohle verbrannt. So wird letztlich nicht nur Strom erzeugt, sondern auch CO2 – bei Volllast 4,1 Millionen Tonnen im Jahr. Zum Vergleich: Die jährlich ausgestossene CO2-Menge der Schweiz beträgt gerade mal das rund Zehnfache.

Gemeinnützige Projekte

Natürlich habe es vor dem Bau «emotionale und turbulente Veranstaltungen für die Bevölkerung gegeben», sagt Albers. Aber heute werde das Bürgertelefon, eine Art Beschwerdehotline, kaum mehr genutzt. Warum so wenig Proteste? Albers zuckt mit den Schultern. Der Gewinn für die Region sei gross, findet er. So kämen bei der Vergabe der Arbeiten vor allem regionale Firmen zum Zug. Und das Kraftwerk biete einmal 110 Arbeitsplätze.

Dass in Wilhelmshaven die Abwärme ebenfalls nicht genutzt wird, scheint keine Rolle zu spielen. Vielleicht liegt es an Frank Albers. Mit ihm ist GDF Suez tief in das Leben der Region eingedrungen. Das Unternehmen hat einen Bürgerfonds installiert – jährlich werden 50'000 Euro an gemeinnützige Projekte vergeben. Albers betont, der Fonds sei erst nach Erhalt der Baubewilligung eingerichtet worden.

Das kommt gut an: Zumindest heisst es im Onlinedossier der lokalen Zeitung, in Wilhelmshaven werde eine «hochmoderne Anlage mit vorbildlichem Wirkungsgrad» gebaut.

Ein Verlustgeschäft

Trotzdem würde die BKW heute den Deal in Wilhelmshaven womöglich nicht mehr abschliessen. Die variablen Produktionskosten des Stroms (etwa für die Kohle und die Löhne) liegen zwar unter dem Marktpreis. Deshalb wird das Kraftwerk nach der Fertigstellung auch produzieren. Doch kommen die fixen Kosten hinzu, sieht die Rechnung anders aus. Der gesamte Ertrag reicht nicht aus, um die Baukosten zu decken. Mit anderen Worten: Unter dem Strich resultiert ein Minus.

Deswegen hat der Berner Konzern für Wilhelmshaven auch Rückstellungen von etwa 200 Millionen Franken vorgenommen. Dies bescherte der BKW im vergangenen Jahr den ersten Verlust in der Unternehmensgeschichte. Die BKW könnte ihre 33-Prozent-Beteiligung abstossen. Laut Mediensprecher Antonio Sommavilla ist das «zurzeit aber nicht die Absicht».

Die «Kessel-Panne»

Die Marktpreise sind das eine, Probleme beim Bau das andere. Im Frühling 2011 kam es zur sogenannten «Kesselpanne». Die Ingenieure entdeckten an den Wänden des Kessels mangelhafte Schweissnähte und Verformungen. Das Problem lag beim verwendeten Stahl T24. Auch andere Kraftwerke in Deutschland hatten mit Rissbildung zu kämpfen. In Wilhelmshaven wurde das Material für den Kessel schliesslich gewechselt, was jedoch die Arbeiten um ein Jahr verzögerte. Die Panne hat allein die BKW 8 Millionen Franken gekostet. Das schreibt der bernische Regierungsrat in einer Antwort auf einen Vorstoss. Mittlerweile sorgt das Abenteuer der BKW in Wilhelmshaven nämlich wieder für Fragen in der Berner Kantonspolitik (siehe Kasten).

Frank Albers geht bald weg

Frank Albers steht jetzt auf dem Flachdach des Kesselhauses. Er schaut hinunter auf das riesige Containerdorf der Baustelle. Gleich daneben entsteht der erste Tiefseehafen Deutschlands, der Jade-Weser-Port. Albers schwärmt: «Hier können dereinst auch die grössten Kohleschiffe anlegen.»

Albers blinzelt in die Sonne, seine Mission in Wilhelmshaven ist bald erfüllt. Die Visitenkarte mit der Bezeichnung für seine neue Aufgabe bei GDF Suez ist schon gedruckt.
(Berner Zeitung) 


der Bund.ch vom 25.01.2012

Von Hans Galli.

BKW schreibt wegen ihres Auslandgeschäfts rote Zahlen

Die Gaskraftwerke in Italien und das Kohlekraftwerk in Deutschland werden für den Berner Stromkonzern BKW zum Verlustgeschäft: Er muss den Wert dieser noch jungen Beteiligungen herabsetzen.

Die BKW Energie AG muss für das abgelaufene Geschäftsjahr voraussichtlich einen Verlust von 150 Millionen Franken ausweisen. Der Hauptgrund liegt nicht etwa bei den von der Aufsichtsbehörde Ensi verordneten Massnahmen bezüglich der Sicherheit des Atomkraftwerks Mühleberg, sondern bei den Auslandbeteiligungen: Die BKW muss auf ihren Gaskraftwerken in Italien sowie dem im Bau befindlichen Kohlekraftwerk im deutschen Wilhelmshaven Wertberichtigungen von 300 Millionen Franken vornehmen. Deshalb wird aus dem noch vor kurzem erwarteten Jahresgewinn von 100 Millionen ein Verlust von 150 Millionen: Die definitiven Zahlen werden am 23. Februar veröffentlicht.

Für den Kanton Bern als Mehrheitsaktionär ist das doppelt schmerzhaft: Erstens muss er befürchten, dass die Dividende gesenkt wird oder ganz ausfällt, und zweitens wird die BKW wegen des Abschreibers 50 Millionen Franken weniger Steuern bezahlen.

Stromüberfluss statt Strommangel

Wie Axpo und Alpiq hat auch die BKW-Spitze die Entwicklung auf dem europäischen Strommarkt falsch eingeschätzt: Vor fünf Jahren prognostizierte die Branche einen Strommangel in Europa, was unweigerlich zu steigenden Preisen führen werde. Zudem war schon damals unsicher, ob in der Schweiz jemals wieder ein neues Atomkraftwerk gebaut würde. Deshalb begannen die Schweizer Stromkonzerne mit umfangreichen Investitionen im Ausland: In Italien beteiligten sie sich an Gaskraftwerken und in Deutschland an Kohlekraftwerken.

Eine Prognose hat sich bewahrheitet: In der Schweiz werden keine neuen Atomkraftwerke mehr gebaut. Aber die andere hat sich als falsch erwiesen: Die Strompreise auf dem europäischen Grosshandelsmarkt sind nicht gestiegen, sondern gesunken. Deshalb werden die Auslandbeteiligungen zum Verlustgeschäft: Die BKW muss den Strom aus den italienischen Gaskraftwerken Livorno Ferraris und Tamarete, an welchen sie Minderheitsbeteiligungen hält, zu den Produktionskosten beziehen. Und diese sind momentan höher als der Marktpreis. Das heisst, die BKW kauft den Strom teurer ein, als sie ihn verkaufen kann.

Noch im Bau ist das deutsche Kohlekraftwerk Wilhelmshaven, welches gemeinsam mit GDF-Suez erstellt wird. Der Bau habe sich verzögert, und die Investitionskosten seien höher als budgetiert, schreibt die BKW. Deshalb geht sie davon aus, dass die Produktionskosten auch in Wilhelmshaven höher sein werden als der Markterlös.

Ende für Dörpen als Glücksfall

Die BKW kann froh sein, dass der Bau des Kohlekraftwerks im deutschen Dörpen gescheitert ist. Andernfalls müsste sie jetzt auch auf dieser Anlage einen hohen Millionenbetrag abschreiben. Das Projekt wurde von der örtlichen Bevölkerung, der bernischen Energiedirektorin Barbara Egger und Umweltverbänden bekämpft.

Die Branche erwartet, dass die Strompreise an der europäischen Energiebörse in Leipzig noch mindestens zwei, drei Jahre tief bleiben werden. Eine entsprechende Prognose machte Axpo-Konzernchef Heinz Karrer Anfang Woche an der Bilanzmedienkonferenz seines Unternehmens. Obwohl Deutschland mehrere Atomkraftwerke abgeschaltet hat, herrscht in Europa Stromüberfluss. Dafür gibt es mehrere Gründe:

• Die schwache Konjunktur als Folge der Finanzmarktkrise. Insbesondere Italien als grosser Stromimporteur steckt seit Jahren in einer wirtschaftlichen Krise. In Deutschland zeichnet sich eine deutliche Abschwächung ab.

• Die abgeschalteten deutschen AKW werden durch Gas- und Kohlekraftwerke ersetzt. Erstens gehen laufend neue fossile Kraftwerke ans Netz, und zweitens werden stillgelegte Kohlekraftwerke reaktiviert. Die CO2-Problematik rückt dabei in den Hintergrund.

• Solar- und Windkraftwerke liefern immer mehr Strom. Die deutschen Solarkraftwerke haben den Energiekonzernen das lukrativste Geschäfte kaputt gemacht: Sie liefern in den Mittagsstunden, wenn in Haushalten, Kantinen und Restaurants gekocht wird, am meisten Strom. Früher wurde die Verbrauchsspitze am Mittag mit teurem Strom aus Pumpspeicherwerken in den Alpen sowie mit Gaskraftwerken abgedeckt.

Die Vertreter der Strombranche beklagen sich, Solarstrom sei eine unfaire Konkurrenz, weil er durch staatliche Eingriffe wie das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in Deutschland und die kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) in der Schweiz gefördert werde. Aber zumindest hinter vorgehaltener Hand räumen sie ein, dass sie das Potenzial der Solarenergie unterschätzt haben. Die Gesamtmenge an Solarstrom ist zwar noch gering, aber sie vermag trotzdem am Mittag die Preisspitzen zu brechen.

Auch die BKW profitiert im In- und Ausland von der Förderung der erneuerbaren Energien, weshalb sie auf ihren Sonnen- und Windkraftwerken keine Wertberichtigungen vornehmen muss.

Situation kann sich wieder ändern

Mittel- und längerfristig könnte der Trend auf dem Strommarkt wieder kehren. Wenn in Deutschland weitere AKW abgeschaltet werden, in der Schweiz die ersten vom Netz gehen und die Lieferverträge mit Frankreich auslaufen, ist ein Stromengpass nicht auszuschliessen. Dann könnten Kohle- und Gaskraftwerke doch noch zu Goldgruben werden.

Das Kohlekraftwerk Wilhelmshaven, welches GDF Suez und BKW gemeinsam bauen, kostet mehr als prognostiziert. Foto: zvg (Der Bund) 

KEIN ENDLAGER!

 

Impressionen